Potemkins Badezimmer

Nach langem Bitten hat mein Schwiegervater imDorf am Ende der Welt endlich ein Badezimmer gebaut und für fließendes Wasser gesorgt. Aber bei der Anreise merken wir: Nicht alles ist so, wie es scheint.

Im Mai sind wir zu einem außerordentlichen Besuch nach Belarus gefahren.

Das hatte zwei Gründe: Der Mann musste ganz dringend mal wieder in die Heimat. Eine Abwesenheit von fünf Monaten tut seinem Gemüt nicht gut, er muss ab und an die Weite der belarussischen Wälder und Felder um sich haben.

Dorf in Belarus

Frühling im Dorf

Da wir außerdem in diesem Monat unseren zehnjährigen Hochzeitstag begehen, haben wir uns entschlossen, mit Kind und Kegel eine Nostalgietour dorthin zu organisieren, wo alles begann.

Ein weiteres Schmankerl lockte uns aus dem Dorf am Ende der Welt: Nach langem Betteln und Überreden – das Haus haben meine Schwiegereltern kurz nach unserer Hochzeit gekauft- hatte sich mein Schwiegervater im letzten Jahr bereit erklärt, einen Wasseranschluss dorthin zu verlegen.

Das Haus aus dem Jahr 1920 lebt insbesondere von seiner Ursprünglichkeit- das bedeutet, dass es eine instabile Stromleitung gibt und eben bis ins letzte Jahr auch kein fließendes Wasser. Dies wiederum bedeutet, dass man dort eine Reihe wundervoll authentischer Accessoires bestaunen kann: Ein Plumpsklo und einen Brunnen, zum Beispiel.

Meinen Schwiegereltern hätte dies völlig gereicht, meine Schwiegermutter spült in einer aufwendigen Prozedur drei Mal am Tag Tonnen von Geschirr für die vielen, vielen Menschen, die über den Sommer nach Slabada kommen, um die Idylle zu genießen- aber die dekadente deutsche Schwiegertochter rümpfte seit acht Jahren die Nase und beschwerte sich über das Plumpsklo.

Im letzten Jahr wurde dann ein Wasseranschluss gelegt und man konnte in der Banja- also der Sauna, die sich in einem Gebäude im Hof befindet- eine warme Dusche mit fließendem Wasser genießen. Schon das war eine außerordentliche und kaum zu glaubende Errungenschaft.

Potemkins Badezimmer

Planungsgenie am Werk

Nun sollte das ganze einen Schritt weiter gehen: Sascha heuerte einen Klempnermeister aus der nächsten Kreisstadt an, der die Aufgabe bekam, aus dem Abstellraum im Haus ein Badezimmer zu bauen. Voller Staunen erhielten wir während des Frühjahres Fotos, die „Zuhause im Glück“ alt aussehen ließen: Aus einem Raum mit Lehmboden und Baumstamm-Wänden wurde ein Badezimmer mit Fußbodenheizung, Dusche und Bidet (Sascha weiß selbst nicht, was er damit soll, aber der Klempnermeister aus Vilejka hat ihm versichert, dass man das dringend braucht.) Der Meister arbeitete fleißig, teilweise bis spät in die Nacht, und das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen.

Als dann auch noch der „kleine“ Sascha, also mein Schwager, einen W-Lan Router installierte (passwortgeschützt, falls Baba Tasia nebenan auf die Idee kommt, illegale Inhalte herunter zu laden), erlitt Aliaksei in Essen einen Kulturschock und lief einen Abend kopfschüttelnd durch die Wohnung, blass vor sich hin murmelnd: „Nun ist das 21. Jahrhundert in Slabada angekommen, unglaublich“.

Voller Vorfreude auf das WC IM Haus und eine Dusche jeden Morgen reiste ich also nach Slabada- und wurde dann doch bitter enttäuscht:

Badezimmer in Belarus

Potemkins Badezimmer

Das Badezimmer gibt es wirklich, wunderschön und niegelnagelneu. Kurz überlegte ich, meine scherzhafte Ankündigung in die Tat umzusetzen und dort zu schlafen. Als sich Kasi allerdings nach der langen Reise erfreut auf das neue Klo setzte und sich Erleichterung verschaffte, gab es einen entsetzen Aufschrei von Sascha: „Neeeeeeiiiiinn!“ Wir drehten uns um, erstaunt, und fragten, was los sei. Er stand im angrenzenden Zimmer vor einer Pfütze Kinderpipi und erklärte: „Die Kanalisation ist noch nicht angeschlossen! Das Grundwasser steht viel zu hoch!“. Ungläubig schaute ich ihn an:

„Soll das bedeuten, dass all das hier“, ich zeigte auf die blinkenden Armaturen, „nicht benutzt werden darf? Nicht die Toilette, nicht das Waschbecken, und die Dusche auch nicht?“

„Genauso ist es“, sagte er. Im Sommer, wenn der Wasserstand sinkt, versuchen wir es. Bis dahin gibt es zumindest in der Küche schon mal fließendes Wasser. Das Abwasser läuft in einen Eimer, den wir leeren müssen.“

Nunja. Es ist schon mal da, das lang ersehnte Badezimmer. Und wenn Katharina die Zweite zufällig im Dorf am Ende der Welt vorbei kommt, wird sie stolz sein auf das, was Potemkin hier geleistet hat. Wir gehen derweil jeden Tag dort hinein, schauen uns die Dusche an und leben noch ein paar Monate nach dem Motto: Vorfreude ist die schönste Freude.

 

 

 

 

 

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