Besuch in der Minsker Kinderpoliklinik

Einer der ersten Wege im neuen Jahr führte uns in die Poliklinik für Kinder in Minsk.

In schönster Tradition erkrankte eines unserer Kinder im Flugzeug; Paulina landete schon mit 39°C in Vilnius. Der umständliche Transfer bis ins Dorf- im zugigen Linienbus zum Bahnhof, dort im Café auf den Zug warten, dann mit dem Zug über die Grenze, dort in den Passat Universal des Schwiegervaters und eine Stunde bis ins Dorf- tat sein Übriges.

Schnell kletterte ihr Fieber, und als es am dritten Tag noch nicht besser war und der Husten sich trotz verschiedener Hausmittel nicht besserte, willigte ich ein, einen Arzt zu konsultieren.

Meine Schwiegermutter, die Babuschka, hätte am Liebsten direkt einen Krankenwagen gerufen. „Aber dann“, warf mein Schwiegervater ein, „legen sie euch 100% ins Krankenhaus. Ein Kind mit 40 Grad Fieber muss unter Beobachtung.“

Blutabnahme in Minsk. Von der Seite der Poliklinik. Der Beweis, dass aus dem Finger Blut abgenommen wird!

Das kam natürlich für mich nicht in Frage, denn ich kenne mein Kind, das wenn es krank ist, immer hoch fiebert, und ich kenne auch die belarussischen Krankenhäuser. Thanks, but no thanks.

Abhören lassen wollten wir Paulina trotzdem einmal, und so riet man uns, einen Arzt zu bestellen. Nach der morgendlichen Sprechstunde kommen sie zu den kranken Kindern nach Hause. Aber wie das so ist im Winter nach einem langen Wochenende- viele Kinder warteten auf einen Arzt und die Dame in der Telefonzentrale riet uns, zur Poliklinik vorbei zu kommen.

Entgegen besseren Wissens stimmte ich zu und wir packten das fiebrige Kind warm ein und ins Auto. Dort meldeten wir uns am Empfang. Die zuständige Empfangsdame in der Kinderpoliklinik hatte mit Sicherheit den Aufnahmetest für die unfreundlichste Servicemitarbeiterin mit Bravour bestanden. Mit einer solchen Leichenbittermine sagte sie uns, zu welchem Arzt wir zu gehen hatten, dass Aliaksei und ich beinahe in lautes Gelächter ausbrachen.

Eine Kinderpoliklinik ist quasi ein ambulantes Arztzentrum, in dem es Spezialisten der Kinderheilkunde in einem großen Gebäude gibt. Die Versorgung erfolgt ambulant und ist in den staatlichen Krankenhäusern kostenlos für alle. Übrigens habe ich bei der Recherche für diesen Artikel heraus gefunden, dass alle Kliniken in Minsk, die man hier findet, auch englischsprachige Webseiten haben. Chapeau!

Die zuständige Kinderärztin war eine gütige Frau, die tat, was belarussische Kinderärzte meines Wissen nach immer tun: Antibiotikum verschreiben und Panik verbreiten.

Sie diagnostizierte eine Bronchitis und verschrieb „zur Sicherheit“ auch noch eine Röntgenaufnahme der Lunge. „Bei solchen kleinen Kindern ist das sehr, sehr ernst“, ‚beruhigte‘ sie uns. „Das muss man streng beobachten.  Wenn das Antibiotikum nicht anschlägt, fahren Sie bitte umgehend zur Klinik für Infektionskrankheiten. Die wissen, was in solchen Fällen zu tun ist. Aber nun gehen Sie bitte erstmal die Lunge röntgen lassen.“

Dass ich das überzogen fand, muss ich glaube ich nicht erwähnen. Tief verwurzelt ist in Belarus die Angst vor Lungenkrankheiten, und nicht umsonst kommt zu den Babuschki ins Dorf das „Fluografiemobil“, dass jedes Jahr ihre Lunge röntgt. Zu Beginn jedes akademischen Jahres wird turnusmäßig und verpflichtend jede institutionalisierte Lunge geröntgt.

Vor dem Röntgenkabinett herrschte großer Andrang. Eine Schwester nahm uns in Empfang, die den ausgeprägstesten Damenbart hatte, den ich je gesehen habe. Bemüht, nicht zu penetrant auf ihre behaarte Oberlippe zu starren, versuchte ich zu verstehen, was sie uns sagte. „….nein, die Ärztin ist nicht da. Ich mache nur die Aufnahmen, und dann können Sie morgen vorbei kommen und die Ärztin schaut sie an. Aber sie nehmen auf jeden Fall die Bilder mit! Wenn Sie einen Notarzt rufen, haben Sie die Bilder besser dabei.“

Schicksalsergeben und wider besseres Wissen ziehen wir uns und dem Kind die Schutzwesten an und fragen, wie oft man im Jahr so eine Aufnahme machen darf. „So oft, wie der Arzt es für nötig hält“, knurrt Frau Oberlippenbart und wir sind nicht überzeugt.

Die Aufnahmen nehmen wir mit und wollen sie anschließend der Kinderärztin zeigen, die entschuldigend die Hände hebt und abwimmelt „Ich kann solche Bilder nicht sehr gut lesen“. Right.

Wir verlassen also die Poliklinik mit dem handgeschriebenen Rezept und machen uns in Minskauf die Suche nach dem Breitbandantibiotikum, das die Ärztin uns verschrieben hat. Das ist keine einfache Aufgabe, wie sich herausstellt.

Eintritt für Kinderwagen verboten. Quelle: deti.ru

Beim Herausgehen registriere ich noch das Schild am Eingang, auf dem steht „Das Betreten der Kinderklinik mit Kinderwagen ist nicht gestattet“ und schicke einen warmen Gruß an unseren lieben Kinderarzt in seiner kuscheligen und röntgengerätfreien Praxis im Ruhrgebiet.

 

 

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