Mit dem Zug bald wie im Flug- Anreise nach Belarus

Ab Dezember wird das Reisen nach Belarus einfacher: Ein neuer Schnellzug soll Berlin in nur 12 Stunden mit Minsk verbinden. Bisher dauerte die Fahrt sechs Stunden länger.
Der neue spanische  Zug wird die Reise verkürzen und auch Moskau und Berlin näher zusammen rücken lassen. Ein Ticket in der zweiten Klasse von Minsk nach Berlin wir um 150 Euro kosten.

In Rekordzeit durch Europa

Zugverbindung Belarus

Zug Amsterdam- Moskau von innen, russisches Abteil

Der erste Zug des spanischen Hersteller Patentes Talgo S.L. startet am 17. Dezember vom Kurkser Bahnhof in Moskau. Der Zug, der unter dem griffigen Namen „Swift“ seine 1898 km lange Reise in Rekordzeit zurücklegt, wird in den belarussischen Städten Orscha, Minsk und Brest halten. Bisher ist es noch nicht möglich, online Fahrtkarten für diesen Zug zu kaufen, an den Schaltern der Belarussischen Eisenbahn sind sie allerdings schon im Verkauf.

Die Russische Eisenbahnen AG „RZD“ hat 2014 sieben Züge im Gegenwert von je 20 Waggons zum Preis von je 135 Millionen Euro gekauft. Der Zug wird ab Dezember zwei Mal pro Woche fahren. Aus Moskau starten die Schnellzüge je samstags und sonntags um 13:05 Uhr, in Berlin an den selben Tagen um 18.05 Uhr abends.

Natürlich verschnellert sich die Fahrt dadurch auch zwischen den Hauptstädten: Von Minsk nach Moskau sind es dann nur noch neun Stunden, von Minsk nach Warschau sogar nur noch sieben Stunden.

Schnellzug im Wettbewerb mit Billigfliegern

Zug Amsterdam Moskau

der blaue Zug

Dass die RZD nun in teure Schnellzüge investiert, liegt sicher nicht zuletzt daran, dass die Anreise nach Russland und natürlich auch Belarus in den letzten Jahren kaum noch per Zug erfolgt. Die Angebote der Billigairlines sind um ein Vielfaches günstiger, schneller und unkomplizierter. Eine Vielzahl von Fluglinien fliegt die Moskauer Flughäfen an, und nach Belarus reist man zumeist über den so genannten Flughafen „Minsk III“, den heimlichen dritten Minsker Flughafen in Vilnius.

Die wenigsten Menschen hegen heutzutage den Wunsch, in 22 Stunden aus dem Ruhrgebiet nach Minsk zu tuckern, wo es möglich ist, in knapp zwei Stunden nach Vilnius zu fliegen und von dort einen Schnellzug nach Minsk zu nehmen. Darüber hinaus sind die Preise für Zugreisen exorbitant hoch: Um die 300 Euro bezahlt man für eine Fahrtkarte in einem Dreierabteil.

Selbst die belarussische Airline Belavia hat nach ihrem Make-Over immer wieder Aktionen, in denen Tickets zum halben Preis angeboten werden. So kann man aus Berlin, Frankfurt oder Hannover zum halben Preis direkt nach Minsk fliegen.

Zugreisen nur noch für Nostalgiker

Die Anreise über Schienen wird auch dadurch verlangsamt, dass Grenzkontrollen und Räderwechsel auf dem Weg von Deutschland nach Belarus insgesamt vier Stunden einnahmen. In der ehemaligen Sowjetunion fahren die Züge auf Breitspurschienen, so dass die Fahrgestelle der Züge bisher in einem aufwändigen (und lauten! ) Verfahren in der belarussischen Grenzstadt Brest gewechselt werden müssen. Die Züge werden hierbei hydraulisch angehoben und die Räder gewechselt. Die ersten Male ist dies natürlich ein großes Abenteuer, aber so ab der dritten Reise wünscht man sich, man würde nicht nachts von dem lauten Gehämmer geweckt.

Übrigens sind die Zugtoiletten während des gesamtem Prozedere (Grenz- und Zollkontrolle Polen, Grenz- und Zollkontrolle Belarus, Reifenwechsel, Halt im Brester Bahnhof- summa summarum vier Stunden) geschlossen. Die alten Züge haben nämlich noch eine Toilette, bei dem sich als „Spülmechanismus“ ein Loch im Boden öffnet und man die Schienen sieht…

Im folgenden Video seht ihr, wie die Reifen in Brest gewechselt werden:

Die Swift-Züge der neuen Generation sind auch deshalb so schnell, weil sie die Reifen automatisch der benötigten Spurbreite anpassen können. So verkürzt sich die Zeit, die der Zug in Brest steht, von drei Stunden auf 20 Minuten.
Auch in Sachen Komfort scheinen die neuen Züge im 21. Jahrhundert angekommen zu sein: Neben neun Schlafwagen gibt es einen Wagen mit Sitzplätzen, einen für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und 2 Luxus-Waggons, in denen die Abteile über eigene Toiletten und sogar Duschen verfügen. Auch ein Speisewagen ist vorgsehen.

Man muss es erlebt haben

Zug Paris Moskau

Der Zug Paris-Moskau

Das Ganze hört sich wirklich so an, als böte sich hier die perfekte Gelegenheit für all jene, die immer schon einmal mit dem Zug nach Belarus fahren wollten. Nachdem zuletzt der Paris-Moskau Express eingestellt wurde und es auch fraglich war, ob der Zug, mit dem wir immer aus dem Ruhrgebiet nach Minsk gefahren sind, weiter existieren würde, ist der Schnellzug aus Berlin sicherlich eine angenehme Variante.

Denn das Reisen in den alten Nachtzügen, die noch aus DDR-Zeitem stammten, war wenig komfortabel: Oft befand man sich eingepfercht in Dreier-Abteilen, über einem eine schnarchende Frau, unter einem eine Dame, die Eiersalat essen wollte, verdammt dazu, mit einem Minimum an Sauerstoff und einem Maximum an  Nähe 22 Stunden auf engstem Raum zu verbringen. Spätestens ab dem Morgen (die Züge starteten in der Nacht) wurden alle Kinder quengelig und man konnte es nicht erwarten, dass es dunkel wurde und man endlich, endlich in Minsk ankam und sich sehr lange duschen konnte.

Wer mehr über Zugfahrten in Belarus erfahren möchte, dem empfehle ich übrigens die Lektüre von  „Liebesgrüße aus Minsk“, in dem ich ganz unterschiedliche Begegnungen in belarussischen Zügen niedergeschrieben habe.

Die Belarussen, muss man wissen, liebe ja ihre „blauen Züge“, die sie jahrelang mangels eigener PKWs durch das ganze Land oder noch besser durch die ganze Sowjetunion gebracht haben. Sie finden es toll, im „obschij“- Abteil, also in jenem Großraum-Liegewagen zu reisen und direkt nach der Abfahrt ihre gebratenen Hühner auszupacken und mit dem Banknachbarn zu teilen. Das gehört für sie zur Kultur des Reisens genau wie die Flasche Wodka, die die Zeit bis zur Ankunft verkürzt.
Zum großen Bedauern der älteren Generation werden diese Nachtzüge nun wegmordernisiert und durch Schnellzüge ersetzt. Es macht kaum noch Sinn, die Fahrt nach Brest auf acht Stunden zu einer Übernachtfahrt auszudehnen, wenn die neuen Schnellzüge die Fahrt in drei Stunden zurücklegen kann.
In ein paar Jahren wird nur noch das Krokodil Gena mir seiner Hymne an die gute alte Reisezeit erinnern.
 
Singen wir eine Runde mit und freuen uns auf unsere nächste Reise nach Belarus!

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7 Gedanken zu „Mit dem Zug bald wie im Flug- Anreise nach Belarus

  1. Wir sind jahrelang aus Nordwestdeutschland 24 Stunden bis Minsk unterwegs gewesen. Wir haben viele nette Erlebnisse gehabt, aber irgendwann fanden wir Fliegen doch komfortabler. Zumal wir noch weitere 5 Stunden in die Provinz unterwegs waren….
    Sigrid

  2. Hallo,

    wir suchen gerade eine Zugverbindung von Minsk nach Deutschland.
    Gibt es den Zug nicht mehr?
    Ich kann keine Verbindung mehr bei rzd finden.

    Gruß
    Jens

  3. Liebe Nadine,
    sicher bist Du nicht mehr mit der ursprünglichen Variante der Waggons aus der DDR gefahren, .denn so wie Du sie beschreibst, waren sie nicht. Es waren keine dieser Dreier sondern Vierer, in denen man mehr Platz, besonders für Gepäck, hatte. Sie verkehrern heute in Russland und auch Belarus immer noch. Der Minsker Bahnhof hat oft den „nostalgischen“ Geruch dieser alten Schlafwagen, besonders im Winter, wenn angeheizt wird.
    Ich finde die Zugreise nach Osteuropa, zumindest ab Warschau, immer noch nervig. Auch in dieser Hinsicht ist dieser Teil der Europas abgehängt.

    Susanne

    1. Liebe Susanne,
      die fuhren früher noch aus Berlin nach Minsk und auch von Warschau nach Minsk. Ich fand sie auch viel angenehmer als die 3er- Abteile, weil sie etwas geräumiger waren. Jetzt gibt es von Stettin nach Warschau einen supermodernen Nachtzug.
      Viele Grüße,
      Nadine

    2. Liebe Susanne,
      die fuhren früher noch aus Berlin nach Minsk und auch von Warschau nach Minsk. Ich fand sie auch viel angenehmer als die 3er- Abteile, weil sie etwas geräumiger waren. Jetzt gibt es von Stettin nach Warschau einen supermodernen Nachtzug.
      Viele Grüße,
      Nadine

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