Schüleraustausch

Jetzt hat uns der deutsche Alltag schon eine ganze Woche wieder und mit ein bisschen Abstand kann ich die 10 Tage in Minsk nun Revue passieren lassen.

Aussicht aus dem Fenster

Aussicht aus dem Fenster

Entgegen aller Befürchtungen war es eine schöne Zeit, wenn auch eine ziemlich stressige. Zwischen den Feiertagen sind alle Freunde in Minsk versammelt, und vor lauter Terminen kam das Ausruhen zu kurz. Leider habe ich auch für einen mittelschweren Skandal gesorgt, weil ich darauf bestanden habe, einen Teil der Zeit nicht bei meinen Schwiegereltern am Stadtrand zu wohnen, sondern in einer Wohnung unserer Freunde direkt am Siegesplatz.

Das Militärstädtchen

Das Militärstädtchen

Wer die Belarussen kennt, weiß, dass dies eine Beleidigung ohnegleichen für die meisten Familien ist: Die Kinder sind zu Besuch und schlafen nicht bei den Eltern in der beengten Wohnung sondern erlauben sich ein wenig Privatssphäre. Während meine Schwiegermutter derartige Kaprisen von mir schon gewohnt ist und sie gelassen hinnimmt (sie hat die Deutschen und ihre Angst vor zu viel Nähe immerhin studiert), war das für meinen Schwiegervater ein Grund, die Kommunikation mit mir für einige Tage auf ein Minimum zu reduzieren: Er kann nicht verstehen, dass es für alle Beteiligten anstrengend ist, wenn wir 10 Tage aufeinandergeknubbelt im Militärstädtchen am Stadtrand hocken, von wo es ein Tagesausflug in die Stadt ist, und wo es unmöglich ist, zu spazieren, weil das Gorodok gerade nämlich eine Großbaustelle ist. Seitdem dort in der Nähe die U-Bahn endet, wurde der Stadtteil nämlich als attraktives Bauland erschlossen.  Als ich vor 7 Jahren zum ersten Mal dort war, war der Stadtteil am östlichen Rand von Minsk noch idyllisch und ein Ort der Ruhe: Inmitten von Wald, noch immer ein bisschen elitär und irgendwie charmant. Zu Zeiten der Sowjetunion wohnten dort nur Armeeangehörige, um in das Militärstädtchen hineinzukommen, benötigte man einen Passierschein. Damals befand sich diese Siedlung noch vor den Toren von Minsk, zwischen ihr und der Hauptstadt lag sogar noch das Dorf „Uschodny“, dass nun dem Statdtteil Uruchche-4 gewichen ist.

Mittlerweile wohnen dort Gestalten jeder Art, die Bäume wurden gefällt und die Infrastruktur wurde der wachsenden Bevölkerung vor Ort einfach nicht angepasst. Der lokale Abgeordnete verspricht seit Jahren einen weiteren Supermarkt; in echt tut sich dort jedoch nichts.

Bonjour Tristesse

Bonjour Tristesse

Für mich persönlich ist ein längerer Aufenthalt dort wie ein Schüleraustausch: Die Satellitenstadt ist nicht meine Welt, das ist nicht mein Minsk. Ich bin von dort aus nicht mobil, ich fühle mich fremd, außerhalb meiner Komfortzone. Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Minsk sind kein Vergnügen (obwohl sie natürlich um einiges häufiger fahren als die Provinzbahnen hier in Essen, das muss man zugeben). Hinzu kommt, dass ich auch den belarussischen Essgewohnheiten unterworfen bin (Syrniki oder Grütze zum Frühstück, Essen, das ich schon länger entsorgt hätte, wird doch noch einmal wieder aufgewärmt, um ja nichts zu verschwenden). Das halte ich genau eine Woche aus, wie sich die Leser erinnern werden. Dann reicht es und ich bin dann auch extrem gereizt. Das wäre doch schade, finde ich.

So war es ideal: Wir haben meine Schwiegereltern fast jeden Tag gesehen und uns jedes Mal auf sie gefreut. Ich wäre am Ende sogar gerne noch länger geblieben. Und das ist doch allemal besser als erzwungene Nähe, oder etwa nicht?

 

 

Ein Gedanke zu „Schüleraustausch

  1. Liebe Nadine,

    wie immer sehr toll beschrieben. Nur zwei Sachen sehe ich etwas anders.
    Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind zwar sicher keine Vergnügungsreisen, aber recht zuverlässig. Man ist dabei, das Metronetz auszubauen. Und mit Trolleybussen kommt man praktisch überall hin, dauert allerdings. Gerne erinnere ich mich z.B. an meine häufigen Fahrten mit dem Einser nach Зеленый Луг.
    Neulich war ich mit meiner jungen Moskauer Kollegin Straßenbahn fahren. Über die vorsintflutlichen Fahrkartenentwerter hat sie sich köstlich amüsiert.
    Mir gefällt auch, dass alle Ansagen in weißrussischer Sprache sind.
    Die zugehörige website http://www.minsktrans.by/ ist übrigens vorbildlich gemacht, finde ich.

    Was das Essgewohnheiten anbetrifft – genannte Gerichte schmecken mir z.T. besser, wenn man sie nochmal aufwärmt.

    Würde jetzt auch gerne 10 Tage in Minsk verbringen. Habe die Nase voll von dem fehlenden Winter. Aber nicht nur deswegen…

    Eine schöne neue Woche, viele Grüße
    Uli

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