Radaunica- bei den Vorfahren

Gestern war ja der Tag der Arbeit- ein roter Tag im Kalender und frei. Wir haben uns entschlossen, diesen wunderbaren Feiertag in der Mitte der Woche zu nutzen, um uns den Schwiegereltern anzuschließen. Sie haben die eine Datscha aufgeräumt und wollten dann zu den Friedhöfen fahren, auf denen meine Schwiegergroßeltern begraben sind.

Seidenblumenmeer

Seidenblumenmeer

Ich wollte lange schon einmal mitfahren und habe gestern also die Gelegenheit beim Schopf ergriffen. Leider habe ich keinen von den Vieren kennengelernt, aber nicht nur durch den Namen unseres Sohnes sind die Großeltern meines Mannes sehr präsent. Alle vier hatten interessante und tragische Lebenswege, und ich würde eine Menge dafür geben, einmal die Partisanengeschichten zu hören.

Nach einem langen Winter in der Stadt tut es gut, mal aus der Stadt rauszufahren. Alles erblüht im Moment und die fast leere M1 sowie das platte Land ringsum gibt einem ein schönes Gefühl von Freiheit.

Auf dem Weg sind wir an vielen Friedhöfen vorbeigefahren, und ich habe erfahren, dass traditionell die Gräber nach dem Winter jetzt auf Vordermann gebracht werden. Neben den üblichen Säuberungsarbeiten schmücken sie die Gräber dann mit bunten Seidenblumen, die jetzt massenhaft verkauft werden. In meinem ersten Jahr war ich ganz begeistert von so viel Stoffblumen für meine Wohnung und hätte beinahe ein paar besonders grelle ausgewählt, um mein Wohnzimmer aufzupeppen.

Friedhof in Belarus

Friedhof in Belarus

Am 14. Mai,am zweiten Dienstag nach Ostern (der orthodoxe Jesus ersteht nächsten Sonntag auf), feiert man hier Radaunica (Радаўнiца), das Fest, an dem die Toten mit den Lebenden feiern. Dieser Brauch ist so alt, dass er schon auf die Zeit vor der Christianisierung der Slaven zurückgeht.

Die Menschen bringen Ostereier und Kuchen mit, und es findet eine Art Picknick auf dem Grab statt. Das hörte sich für meine Ohren eher makaber an, aber nach einigem Nachdenken finde ich, dass es eine schöne Tradition ist. Man ist hier sehr viel inklusiver mit den Verstorbenen, als es bei uns der Fall ist. Auf jedem Grab gibt es eine Bank und einen Tisch, und man stellt immer einen kleinen Teller und ein Glas an den Grabstein, damit die Toten nicht hungrig und durstig sind.

Bezauberndes Belarus

Bezauberndes Belarus

Das ist vielleicht für mich gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie auch liebevoller und positiver, als unser Allerheiligen; ein Fest; bei dem man im Novembernebel frierend eine Kerze auf den Gräbern anzündet und sonst oft das ganze Jahr nicht auf dem Friedhof ist. Den Novemberfeiertag gibt es hier auch; er heißt „Dziady“ (Vorfahren), und auch im November wird gepicknickt.

Auf den Dörfern geht es noch sehr viel traditioneller zu: Als wir einmal in Rakau waren, war dort gerade ein Trauerzug unterwegs. Der Tote lag aufgebahrt auf dem Pferdewagen und das Dorf lief hinterher. Diesen Anblick werde ich lange nicht vergessen. Es gibt dort auch noch traditionelle Totenwache, wenn jemand stirbt.

Mh, das war jetzt irgendwie ein nicht so lustiger Artikel, oder? Das Thema täuscht, der Tag war nämlich sehr schön. Die Friedhöfe waren sehr malerisch und vor allem der erste lag wunderschön zwischen einem Tannen- und einem Birkenwald. Über den zweiten wird mir vor allem in Erinnerung bleiben, dass ich es ein bisschen gruselig fand, so viele Grabsteine mit meinem Nachnamen drauf zu sehen- traditionell gibt es ja in einem Dorf nur zwei bis drei Nachnamen.

Ich glaube, nach einem sehr langen Spaziergang in der Sonne werde ich mich dann ums Pa’scha-Backen für das Osterfest kümmern.

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