Kinder, Küche und Karriere

Ich möchte ja niemanden zum Wochenende mit meinem Lieblingsthema nerven, aber einmal muss ich mich noch dazu auslassen. Es geht natürlich um das Thema Frauen und Kinder und Arbeit.

Da ich mich ja bekannter Maßen zur Zeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt umschaue, mache ich die erstaunlichsten Erfahrungen mit potenziellen Arbeitgebern. Dabei muss ich leider zu der Schlussfolgerung kommen, dass es heutzutage einfacher ist, einen anständigen Ehemann zu finden, als einen passenden Job.

Ich habe mich bewusst für mein Kind entschieden und ich möchte auch nicht behaupten, dass ich bei der Jobsuche diskriminiert oder aussortiert werde, weil ich diesen kleinen Zwerg zu betreuen habe. Die meisten potenziellen Arbeitgeber trauen Menschen, die sie als Manager einstellen, auch zu, dass sie ihr eigenes Leben so weit im Griff haben, dass ihre Leistungsfähigkeit im Job nicht durch private Belange beeinträchtigt wird. Das ist schön zu sehen.

Dilemma?

Dilemma?

Das „Problem“, und das ist ja nun eher eine Luxussorge, liegt viel eher auf meiner Seite: Möchte ich wirklich Vollzeit arbeiten und zwei Stunden am Tag pendeln? Bin ich dann eine erfolgreiche Managerin, aber eine unterirdische Mutter?

Im Moment möchte ich alles: Arbeiten- immerhin liebe ich meinen Beruf und es juckt mich in den Fingern, wieder einmal mit Budgetplänen und Deadlines zu jonglieren- aber auch mit Kasimir auf dem Spielplatz toben und Bagger bestaunen. Das geht prima- wenn man eine halbe Stelle findet, die sich möglichst in der Nähe des Wohnortes befindet. Konferenzen besuchen und nachher Kuchen backen, Präsentationen erstellen und die zweite Tageshälfte über mit dem Kind auf allen Parkbänken probesitzen (momentane Lieblingsbeschäftigung, wenn kein Bagger in der Nähe ist)- das scheint mir ein erfülltes Leben zu sein.

Einen guten, teilzeitfähigen Job in einem professionellen Unternehmen zu finden, das seine Mitarbeiter fordert und vollen Einsatz erwartet- aber gleichzeitig auch ein erfülltes Familienleben aufgrund flexibler Arbeitsmodelle zulässt- das ist nicht einfach zu finden. An dieser Stelle muss ich meinen alten Arbeitgeber, die Robert Bosch Stiftung– lobend erwähnen. Dort war es selbstverständlich, dass jungen Müttern genau diese Möglichkeit gegeben wurde (auch hier gab es natürlich einen bémol, wie die Franzosen sagen: Diese Option bot sich nur entfristeten Mitarbeitern. Bis zur Entfristung vergehen allerdings immer zwei Jahre).

Als nicht mehr ganz junge und nicht mehr ganz unerfahrene Arbeitskraft lasse ich mich auch nicht mehr auf jeden Arbeitsgeber ein. Das macht das Ganze noch um einiges schwieriger. Es steigert aber auch das Selbstwertgefühl. Überhaupt steigert Arbeit das Selbstwertgefühl. Frauen, die arbeiten und gleichzeitig Kinder haben, sind die am Besten organisierten und effizientesten Arbeitskräfte, die ich kenne. Arbeitstage werden nicht mit einem Quätschchen vertan, wenn man weiß, dass man nur die Hälfte der Zeit zu Verfügung hat. In der Hälfte der Zeit schaffen Teizeitmütter oft mehr als Ganztagesarbeitskräfte. Umso bedauerlicher, wenn ein möglicher Arbeitgeber das nicht zu schätzen weiß.

Teilzeitmütter sind effizienter.

Teilzeitmütter sind effizienter.

In Belarus ist die Situation eine andere. Frauen bleiben für gewöhnlich drei Jahre mit ihren Kindern zu Hause. Oft bekommen sie in diesem Zeitraum ein weiteres Kind und sind danach weitere drei Jahre in (unbezahlter) Elternzeit. Für viele lohnt es sich finanziell nicht, vorher wieder arbeiten zu gehen. Sätze wie „mein Mann erwartet schon von mir, dass ich drei Jahre mit meinem Kind zu Hause sitze“, oder „Tanja verdient für eine Frau ganz gut, 300$“ bringen mich hier jedoch des öfteren auf Knopfdruck auf die Palme.

Wie der belarussische Staat und auch die belarussische Wirtschaft (was ja oft dasselbe ist) mit dem brachliegenden Potenzial der jungen Frauen umgeht, ist eine Schande. Belarussen, Männer wie Frauen, mit denen ich hierüber diskutiere, führen an, dass die meisten Frauen nicht arbeiten WOLLEN. Das trifft zwar auf die meisten der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, nicht zu. Aber selbst wenn es so ist, verwundert es mich nicht:  Unter den herrschenden Bedingungen bestehen für die gut ausgebildeten Frauen ja auch keine Anreize, eine Karriere zu verfolgen. Frauen in Führunspositionen sind eine Seltenheit, die Bezahlung ist schlecht, flexible Arbeitszeitmodelle never heard of.  Das Konzept der Tagesmutter gibt es nicht, in den Kindergarten dürfen Kinder erst, wenn sie sich selbst anziehen können und aufs Töpfchen gehen. U3- Betreuungsplätze in Krippen sind dünn gesäht.

Konstruktiver Lösungsvorschlag ;-)

Konstruktiver Lösungsvorschlag 😉

Es geht mir hier gar nicht um den Vergleich mit Deutschland. Bei uns ist die Lage auch mehr als suboptimal. Aber wir in Deutschland haben einen entscheidenden Vorteil: Es gibt eine gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema. Die Wirtschaft hat erkannt, dass sie sich weder erlauben kann, die demographische Kurve weiter in den Keller gehen zu lassen, noch, auf die Arbeits- und Innovationskraft der Frauen zu verzichten.

Das ist es, was ich Belarus so sehr wünsche! Dass diese angestaubten Patriarchen der Nachkriegs-Babyboomzeit, die mit ihren karierten Hemden zu gestreiften Sakkos die Führungsetagen für eine Aussitzblockade nutzen und einen Generationenwechsel verhindern, sich zu ihrem wohlverdienten Ruhestand auf die Datscha zurückziehen und der nächsten Generation Platz machen. Die belarussische Wirtschaft ist dringend reformbedürftig und kann es sich sicher nicht erlauben, den Intellekt ihrer Frauen weiterhin für nichts weiter zu nutzen, als zum Rundendrehen im Gorkipark. Bitte nicht missverstehen: Ich meine nicht, dass Frauen zur Arbeit gezwungen werden sollen, wenn sie lieber bei ihren Kindern bleiben wollen. Aber ihnen die Möglichkeit hierzu zu geben, wäre sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung.

Ein Gedanke zu „Kinder, Küche und Karriere

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