Herr, schicke Verständnis!

Das brauche ich im Moment ganz dringend, in einer Großpackung. Und wenn du schonmal dabei bist, Herr, dann schicke auch noch ein paar Portionen für meine Mitmenschen auf die Erde. Die brauchen sie ganz dringend im Umgang mit mir.

Es gibt Tage, da werde ich zum Globalisierungsgegner auf Mikroebene. Ich denke, Menschen sollten nicht reisen und an dem Ort verbleiben, wo sie aufgewachsen sind. Und auch das meine ich im ganz engen Sinne. Denn dass die interkulturellen Unterschiede unüberbrückbar sein können zwischen, zum Beispiel, Essen-Schönebeck und Gerschede oder Vogelheim ist ja hinlänglich bekannt.

Wie soll das erst werden, wenn man sich ernsthaft in andere Kulturkreise begibt? An Tagen wie heute kann ich es mir nicht erklären. Dieser Internationalisierungspessimismus lässt sich mit einer Überdosis an Erziehungsdiskussionen erklären, wie immer.

belarussische Vision von Kasimir

belarussische Vision von Kasimir

Zurst war da die kleine Mascha, die zwar zu keiner sozialen Interaktion mit Gleichaltrigen in der Lage ist, dafür aber stattdessen mit zweieinhalb Jahren ihre Märchen selbst buchstabieren kann. Bittet Mascha ihre Mama, ihr ein Buch vorzulesen, muss Mascha zuerst selbst die Überschriften erkennen.

Auf meine erstaunte Frage, ob das denn hier normal sei, sagte Natascha (die nicht die Mutter der Kleinen ist): „Natürlich, wenn sich die Eltern mit den Kindern beschäftigen, dann können sie auch mit zweieinhalb lesen.“ Das deckt sich mit den Beobachtungen, die ich hier oft mache: Kinder können mit spätestens drei Jahren buchstabieren, wenn nicht, gelten sie als Spätzünder und müssen dringend üben.  Jemand sagte letztens: „Stell dir vor, als der Sergej in die Schule kam, konnte er nicht mal lesen!“. Nun ist das Thema Frühförderung ja ein weites und kontrovers diskutiertes Feld. Wenn die Belarussen meinen, dass die Kinder ihre Kindheit damit verbringen müssen, das zu lernen, wofür in anderen Ländern gutausgebildete Menschen bezahlt werden (hier kriegen Lehrer ja leider nur einen Hungerlohn), dann ist das ihre Sache.

Aber ein bisschen Offenheit würde ihnen sicher auch nicht schaden. Wäre das belarussische Modell so erfolgreich, würde das Land ja einen Nobelpreis nach dem anderen abräumen. Denn zu nichts anderem als universellen Genies werden die Kleinen hier ja gedrillt. Unvergessen ist der Abend, an dem Freunde von uns ein Abendessen um 21 Uhr verlassen mussten, weil die Kleine auf einem Samstagabend noch Englischhausaufgaben machen musste.

Belarussische Schülerinnen. Sind sie nicht adrett?

Belarussische Schülerinnen. Sind sie nicht adrett?

Mein Mann, der einen Großteil seiner Kindheit bei den Großeltern auf dem Dorf verbracht hat, hat sich, genau wie ich, mit 5 Jahren das Lesen aus Neugier selbt beigebracht, ohne jemals eines dieser albernen Kärtchen mit Buchstaben vor der Nase herumgewedelt bekommen zu haben, die die belarussischen Babies hier zusammen mit der Muttermilch bekommen. Und? Geschadet hat es ihm nicht.

Werden die Kinder, wenn sie in Anzügen in die Schule gehen oder aufgereiht in den Bänken im Kindergarten sitzen Zeit haben, das Echo in der Waschmaschine auszuprobieren, wie Kasimir es so gerne mit mir zusammen tut? Oder die Hunde im Park mit „Wauuu-wauuu, wo bist du?!“ zu rufen? Oder einfach mit Gleichaltigen im Matsch zu spielen, auch wenn sie Mädchen sind, die ja hier ab zwei Jahren mit Schönheitssalons und Kinderküchen zu spielen haben? Wenn ich noch einmal den Satz „Ein Junge spielt nicht mit Puppen!“ höre, muss ich schreien!

Und das andere Reizthema: Kinderkleidung im Winter. Kasimir geht jetzt wider mein besseres Wissen in seinem Schneeanzug für -10°C im Park spazieren, weil ich heute die Diskussion mit seiner Oma einfach nicht mehr ertragen konnte. An jedem einzelnen Omaspaziertag müssen wir diskutieren:

  • „Vielleicht ist das zu dünn angezogen, Nadine?“
  • „Nein, denn er trägt bei 5°C eine Thermostrumphose und einen wamen Anzug, das reicht.“
  • „Aber die anderen Kinder im Park haben alle dicke Schneeanzüge an!“

Es gibt Tage, da treibt mich das zur Verzweiflung. Ich will sicher nicht, dass mein Kind friert. Aber nur, weil die Kinder hier bei 10°C zwei Skianzüge und bis 20°C noch mindestens einen tragen (und das kann jeder bestätigen, der mit mir schonmal in Minsk spazieren war), muss meins das nicht auch tun, oder?

Die Fotos stammen von einer Fotoreportage der Nachrichtenagentur belta.

Die Fotos stammen von einer Fotoreportage der Nachrichtenagentur belta.

Deutsche Kinder sterben nicht Luft, die durch geöffnete Fenster kommt, sie werden auch nicht automatisch krank, wenn man mit ihnen auf den Markt geht. Sie werden krank, wenn sie schwitzen, weil sie zu warm angezogen sind, oder wenn man sie anhustet, oder aber weil man sich mal wieder nicht die Hände gewaschen hat, nachdem man mit der Metro zu uns gefahren ist, und sie dann anpatscht.

Achjee, ich brauche mehr Verständnis. Der Winter ist noch so lang. Wie sollen die Diskussionen erst aussehen, wenn es wirklich -20°C werden? Ich kann die Belarussen ja verstehen. Hier gibt die Omageneration den Ton an. Und die waren nach dem Krieg daran gewöhnt, die Kinder zu behüten und auf Nummer sicher zu gehen.

Ich würde nie erwarten, dass jemand sein Kind so erzieht, wie ich es für richtig halte. Aber kann man nicht ein wenig Toleranz füreinander haben? Ohne hochgezogene Augenbraue, verständnisloses Kopfschütteln und stille oder ausgeprochene Vorwürfe?

Ein Gedanke zu „Herr, schicke Verständnis!

  1. Liebe Nadine, Du unterschätzst weißrussisches Wetter… Wir haben eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit und bei -10° Grad fühlt man sich als ob es -15° sind. Und was Frühförderung angeht, so sind wir nun mal… Es gehört zu unserer Kindheit. Man lernt Zahlen und Buchstaben im Kindergarten und kommt in die Schule schon etwas vorbereitet. Viele Schulen machen jetzt eine Aufnahmeprüfung und wenn das Kind gar keine Kenntnisse hat, man kann nur raten in welche Klasse es landen und welche Klassenkameraden wird es haben. Deswegen versuchen die Eltern die Kleinen zu fördern… Das heißt aber nicht, dass die Kinder gar keinen Spaß haben und müssen nur büffeln.
    Ich bin mir sicher, viele Sachen ärgern Dich und sehen total falsch aus. Aber unsere Omas und Mütter haben nur einen Weg gelernt. Und guck Dich um… So viel Falsches haben sie auch nicht gemacht. Dein Ehemann wurde schließlich auch so erzogen und, glaube ich, ein netter Mensch geworden. In dieser Situation Du bist diejenige, die einen „Goldenen Schnitt“ machen kann, um aus beiden Modellen das Beste zu machen.

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