Avanturisty- kleiner Reiseführer durch das sommerliche Minsk

Minsk ist im Sommer wunderschön! Die Stadt lebt, die Tage sind lang, und es gibt so viel zu entdecken! Kleine Cafés, lauschige Höfe, verwunschene Schlösser- es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Hier ein paar Reisetips für das sommerliche Minsk.

Anfang Juli  (und das ist jetzt schon wieder eine Ewigkeit her!) kam zu uns Besuch aus Westeuropa, und wir haben eine Menge toller Sachen unternommen. Da das ein- oder andere sicherlich für manchen Minsk-Reisenden interessant sein könnte, hier unsere Highlights:

Das Museum für Architektur und Landeskunde in Strochycy

Der erste Tag – es war 30°C warm- führte uns in das Museum mit dem langen Namen, kurz: Strochytsy. Es war wie immer wunderschön dort.  Weniger faszinieren mich die Plastikspanferkel auf den Tischen, als die ruhige Atmosphäre und die Möglichkeit, in aller Ruhe durch die Gegend zu streifen. In einem Hof saß eine Belarussin, die dort traditionelle Muster auf Leinen gestickt hat- sehr idyllisch. Am allerbesten war aber das Restaurant (Belarusskaja Korchma), das wieder eröffnet hat. Die Küche ist vorzüglich- das Restaurant gehört zu Kamianica, das in Minsk hinterm Gorkipark bisher mein liebstes in Minsk war. Mit der Filiale in Strochytsy haben sie sich aber selbst übertroffen. Eine kleinere Karte als in der Stadt, dafür original belarussische Gerichte. Sehr zum empfehlen- alles. Wir hatten Holodnik (Kalte rote Bete Suppe) und verschiedene Gerichte wie Machanka, Kolduny oder Horchotschki . Dazu  frisch gebrühten Mors und Kwas und das die Stärkung ist perfekt. Die Atmosphäre ist unübertroffen- man blickt auf weite Felder oder die Dorfkirche. Hach, ich könnte wieder ins Schwärmen geraten.

Belarussisches Restaurant in Strochytsy

Belarussisches Restaurant in Strochytsy

Auf dem Rückweg nach Minsk haben wir einen Abstecher an den Badesee Ptitsch gemacht- man hätte es sich klemmen können. Kilometerlanger Stau, viel zu wenig Parkplätze, über dem Strand lag ein aufdringlicher Schaschlikdunst. Nicht zum empfehlen. Viel idyllischer: Der See Viacha im Norden von Minsk.

Weltkulturerbe in Mir und Niazvizh

Die nächsten obligatorischen Touren führten nach Niazwish und Mir, beide neu restauriert und UNESCO-Weltkulturerbe. In Niazwish fand zeitgleich die lokale Ausgabe von „Belarus sucht den Superstar“ statt- entsetzlich gedrillte Kinder, die schief gesungen haben. Aus irgendeinem Grund galt das als Attraktion und die ganze Stadt war sehr überlaufen. Das Schloss sieht nach der Restaurierung in der Tat beeindruckend aus. Man dünkt sich in einem westeuropäischen Land und nicht mitten in Belarus, steht man im Hof und schaut auf die Fassaden. Betritt man jedoch die Ausstellung, erinnert man sich schnell, wo man ist: Euro-Remont allenthalben. Trompe-l’Oeuils anstelle von Fresken, Plastikfensterrahmen und Vorhangstoffe aus dem ZUM. Lokale Künstler, die röhrende Hirsche ausstellen und auch nicht ein einziges Original in der historischen Ausstellung. Immerhin war die Besichtigung dafür gut, dass ich das Wort „muliazh“ gelernt habe.

Niazwish nach der Restaurierung

Niazwish nach der Restaurierung

In Niazwish war (wie immer!) keines der Restaurants am Rathausplatz geöffnet. Dritter Besuch in Niazwish, drittes Mal mit hängendem Magen und sinkender Laune rummarschiert. Wir sind dann in ein kleines Restaurant in der Leninstraße gegangen. Dort gab es eines genug: Lokalkolorit. Rote Samtvorhänge allenthalben, eine Kellnerin mit einem so blitzekurzen Rock, das selbst das Baby versucht hat, ihr in den Po zu kneifen, und die längste Wodkakarte, die ich je gesehen habe (anderthalb Seiten).

Leider wird die katholische Kirche in Niazwish gerade renoviert. Ansonsten empfehle ich, sie zu besichtigen und mit etwas Glück den Pfarrer zu treffen und um einen Ausflug in die Krypta zu bitten.

Über Mir bleibt zu sagen, dass wir dorthin nur einen Abstecher auf dem Rückweg gemacht haben. Schön und majestätisch wie immer, und erfreulich zu vermelden, dass die Mirer (Mirskis? Bewohner von Mir!) gelernt haben, das Kleinod zu nutzen: Es gibt nun ein Restaurant in der Nähe sowie einige andere Verkaufsstände.

Die Ausflüge der restlichen Tage fanden vor allem in Minsk statt. Erstaunlicher Weise konnte man das EM-Finale auf dem Oktoberplatz publicly viewen: auf der linken Seite, vor dem Museum, gab es eine halbe Großleinwand und es fanden sich viele junge Leute ein, um dort zu schauen. Nur ein paar OMONs sind Patrouille gelaufen und es waren auch nur 2 große Einsatzwagen zu sehen. So war man zumindest sicher…

Parade am 3. Juli

Parade am 3. Juli

Neben einem Besuch zur Nationalbibliothek (aufs Dach fahren lohnt sich nicht mehr, denn die Plexiglasscheiben sind so zerkratzt, dass man nicht mehr runterschauen kann- typisch Belarus!), zum Markt (besser bei 35°C doch nicht machen) und in die Einkaufsparadiese GUM und ZUM. Führt man Bewohner aus dem Western dorthin, ist es immer ein bisschen wie mit einem Unfall oder so: Man ist so entsetzt, dass man einfach hinschauen muss. Wohliges Grauen breitet sich aus, wenn man die Damenbekleidungsabteilung betritt und man kann den Blick nicht abwenden).

Minsk hat einiges zu bieten

Dasselbe gilt für den Ausflug zur Parade am 3. Juli und den anschließenden obligatorischen Ausflug aufs Volksfest in den Gorkipark. Die Freunde aus dem Westen haben Menschen in seltsamen Kleidungsstücken fotografiert, bis die Linse glühte.

Feiertagsoutfit

Feiertagsoutfit

Ein schöner Spaziergang führte uns durch das alte Niamiga-Viertel: Am Sportpalast den Mascherowa-Prospekt überqueren, dort durch die Höfe gehen und nach einer Stärkung im Buvette (sehr zu empfehlendes Bistro, in dem es frische Baguettes, Säfte und Kuchen gibt, aber leider keine Toilette)die Vuliza Rakouskaja entlang schlendern. Alte Backsteinhäuser und der Geruch der Brotfabrik sind die perfekte Kulisse für einen Sommernachmittag in der Stadt. Schatten suchen kann man in den alten Höfen, bei Rakouski Brovar oder Talaka (sollte man auch noch Durst haben) oder in der Filiale des belarussisch-turkmenischen Handelsklubs, in dem man neben sehr sehr teuren Teppichen und Bildbänden des heilbringenden Turkmenbashi auch noch Anziehsachen in schlechter Qualität kaufen kann, die die Welt anscheinend einem Joint-Venture dieser beiden großen Nationen zu verdanken hat.

Ein Wort verlieren möchte ich noch über die Restaurants, die wir im Laufe der Woche besucht haben- die Szene verändert sich ja recht schnell in Minsk.

Absoluter Favorit in der Stadt ist das Café Ў an der Galeria Ў hinterm Siegesplatz. Dort kann man zuerst durch eine Ausstellung schlendern, dann handgemachte Ohrringe kaufen, sich mit Literatur eindecken und anschließend eine unglaublich erfrischende Beerenlimonade trinken. Das tue ich seitdem regelmäßig nach dem 250. Mal „Bah“. Kasimir gefällt es dort sehr gut, die Kellnerin ist nämlich blond und eine echte belarussische Schönheit. Das weiß er zu schätzen.

Café Ў

Café Ў

Es gibt auch gute Restaurants- man muss sie nur finden

Eine weitere Revelation war das „Kuchmistr“- im selben Haus wie der BRSM, aber nichts ist ja bekanntlich perfekt. Das Essen war belarussisch, sehr lecker, wenn auch teuer (aber  direkt im Zentrum gegenüber vom Haus der  Offiziere ist ja auch nichts anderes zu erwarten). Das Personal ist sehr (kinder-)freundlich und es gab sogar einen Hochstuhl für den Prinzen. Der nicht stillende Teil der Reisegruppe fand auch die Spezialität des Hauses- den Meerrettichwodka- sehr überzeugend und , was ist das Wort- anregend.

Wie sich das gehört fand ein Abendessen im Troezkoe Predmestie statt- das war zumindest der Plan. Geschlagene zwei Stunden haben wir im „Stary (Name vergessen, das Restaurant auf der Ecke)“ auf unser Essen gewartet. Die Laune heben konnte irgendwann nicht mal mehr die tolle Livemusik, die aus dem benachbarten Restaurantschiff „Barzha“ rübertönte. Für ein Bier kann man dennoch einen Abstecher dorthin machen, die Aussicht auf den Sonnenuntergang über der Minsker Skyline ist sehr schmalzig-romantisch. Das gilt auch für die Barzha: Man kann dort gemütlich sitzen bei einem Bier der wirklich guten Coverband zuhören (vorausgesetzt man wird nicht so leicht seekrank), aber das Essen ist teuer und von sechs Gerichten war keins wirklich zu empfehlen.

Schöne Aussicht, aber hungrige Restaurantbesucher

Schöne Aussicht, aber hungrige Restaurantbesucher

 

4 Gedanken zu „Avanturisty- kleiner Reiseführer durch das sommerliche Minsk

  1. Wie toll und wie charmant: Mein Mann chattet mit mir hier auf einem fremden Blog statt mir direkt etwas zu sagen… Nadine, sorry. Ich hoffe, Du hast mit Alexej keine Probleme derart in der interkulturellen Kommunikation in Eurer Deutsch-Belarussischen Ehe. 😉

  2. Ist die Stilldauer in Deutschland wirklich 4 Monate? Kenne viele, die länger stillen. Aber wer laufen kann, sollte auf nahrhaftere Nahrung umsteigen….denke ich.

    1. Danke, Liebster, daß Du Dich so arg um Deinen Nachwuchs kümmerst. Was würdest Du aus Deiner Heimatküche für unser Kindermenü in Minsk anbieten? Übrigens, Dein Sohn steht voll auf Gemüse!

  3. Hi! Dein Kind kann schon laufen und Du stillst noch – bei mir übrigens genauso. Aber was sagen Deine Omas dazu? Und Freunde aus dem Westen, wo die durchschnittliche Stilldauer in Deutschland zum Beispiel nur ca. 4 Monate beträgt?
    Ach, klar, der Artikel ist nicht zum Thema Stillen, war nur so positiv davon überrascht. Werde aber Deinen Tipps folgen, wo man gut essen kann, denn ich habe keine Omas, die auch ab und zu das Essen gekocht hätten.

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