Von Modesünden im März

Jetzt ist zwar der Frühling da, aber man sollte nicht glauben, dass deswegen alles gut ist!

Denn mit dem Frühling kommen auch die Frühlingsgefühle, und der Wunsch, sich der dicken Winterkleidung zu entledigen und die luftige Frühjahrkollektion aus dem Schrank zu holen.

Auch wenn ich weiß, dass es keinen Sinn macht, in Belarus Anziehsachen zu shoppen, ist mir doch wieder ein Faux pas passiert und ich musste etwas hier kaufen. Diesmal war es eine Übergangsjacke (also das, was hier Übergang ist und in Deutschland Winter: 0-10°C).

Meistens versuche ich zu antizipieren, was ich wohl für die nächsten Monate in Belarus brauche, um dann eben nicht hier auf die Suche gehen zu müssen. Aber da ich in den letzten 12 Monaten 23 kasimirbedingte Kilogramme zu -und wieder abgenommen habe, kam ich diesmal nicht drumherum.

Und es war so, wie immer, nach kurzer Suche folgte die bittere Erkenntnis: Kleidung in Belarus kaufen ist unmöglich. Obwohl die Modelage schon viel besser geworden ist, das muss man ja der Gerechtigkeit halber zugeben. Es gibt mittlerweile einige westliche Marken (die Fashionista erkennt die Xjuscha-Zielgruppe ohne weitere Erklärung: Tally Weijl, Jennyfer, Vero Moda, Terranova, und Mango und Mexx). Aber: Die Sachen sind unglaublich teuer, teilweise 20 Euro mehr als in Deutschland. Und für eine Tally Weijl Billighose 50 Euro zu berappen, kommt mir nicht in die Einkaufstüte.

Viele bunte Elema-Mäntel

Viele bunte Elema-Mäntel

Außerdem bin ich ja ohnehin eine Verfechterin des Slogans „Kupliajcie Belaruskae“, kauft belarussische Produkte. Finde ich prima und mache ich auch gerne, außer ibelarussische Kleidung. Denn betritt man das ZUM oder GUM, die staatlichen Kaufhäuser, wo die belarussischen Anziehsachen verkauft werden, hört der Spaß auf. Man hat den Eindruck, man befände sich in einem sehr gammeligen Second-Hand-Shop. Die Sachen sehen aus wie bereits öfter getragen, das letzte Mal lange zurück in den 80er Jahren in der DDR, und es riecht immer nach Schweißfuß. Warum bloß? Ich meine, es ist nicht mal die Schuhabteilung, sondern bloß jene für Kleidung, wenn man das denn so nennen möchte.

Gruselige Modelle, billige Stoffe mit Mustern zum Erblinden- und Schnittmuster, die an keinen Körper passen. Das habe ich letztens von einer belarusischen Freundin erfahren, bei der ich mich ausgeweint habe. Seit 2006 dachte ich nämlich, dass bloß ich als unförmige Deutsche nicht in die Anziehsachen für die belarussischen Astralkörper passe. Aber jetzt weiß ich, und das söhnt mich aus, dass auch die Astralkörperbesitzerinnen nicht in die Fetzen passen, weil sie schlicht und einfach verschnitten sind.

Tja, es hilft ja alles nichts, ich war also in dem muffigen Laden in der Jackenabteilung.

Und was sehe ich da? Ich kann mir die Jacken nicht leisten! Es gibt nämlich eine einzige Marke in Belarus, die schicke Jacken herstellt (es gibt auch noch eine Marke, die schicke Unterwäsche herstellt, aber die hält mich nun mal im Moment nicht warm). Sie heißt Elema und irgendwie hat der Konzern es geschafft, sogar Designer anzuheuern, die einigermaßen mitbekommen, was gerade so Mode ist. Man glaubt es nicht, es gab sogar einen Rock im angesagten Matrosenlook.

Alla Pugacheva in Elema

Alla Pugacheva in Elema

Jedenfalls gab es keine einzige Jacke von Elema unter 120 €. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen- es handelt sich quasi um ein halbes Monatsgehalt! So viel bin ich nicht bereit, für eine Übergangsjacke auszugeben. Also blieben nur die No-Name Produkte, die sich dadurch auszeichnen, dass sie aus Plastikfasern bestehen, schlecht verarbeitet sind und die Trägerin aussehen lassen, als wären sie Blutsverwandte von Alla Pugachowa.

Freundlicher Weise hat die belarussische Regierung jetzt ja den 200.000 Rubel- Schein eingeführt, immerhin fast 20 Euro. So viel Geld konnten die Belarussen noch nie auf einmal ausgeben!

Ich habe dann meinen Aktenkoffer mit den vielen Geldscheinen geöffnet und für 75 unglaubliche Euros die Jacke erstanden, die mir am ehesten tragbar erschien. Beim Rausgehen habe ich dann noch zwei Schals gekauft. Die hatten die hiesigen Designer aus Versehen passend zur Frühjahrsmode entworfen: Einer in Flamingo mit Polkadots, einer im Matrosenlook. Das waren aber mit Sicherheit Unikate, und es kann keine Absicht gewesen sein. Alle anderen Schals hatten nämlich Pailletten und Leopardenmuster,  wie es sich gehört.

200.000 brandneue Rubelchen

200.000 brandneue Rubelchen

Woher ich weiß, was in diesem Frühjahr angesagt ist? Ich leihe mir im Goethe- Institut Frauenzeitschriften aus. Ich finde das pathetisch- es hat so einen Beigeschmack von Sprachschülerstreber, der auch mal Alltagssprache lernen will, sich Zeitschriften in einer Bibiliothek auszuleihen. Die Exemplare sind mindestens einen Monat alt und zerlesen- aber immerhin weiß man, dass die BRIGITTE auch wirklich nur die Sprachlernstreber gelesen haben.

Wenn mich also jemand in Minsk sucht: Ich bin die Frau mit dem Kinderwagen, die in ihrer Jacke versucht, nicht auszusehen, als hieße sie Xjuscha.

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