Wilde Leute im Land der Hyperinflation

Also wirklich, manchmal frage ich mich, wo ich hier eigentlich gelandet bin. Soeben komme ich von meinem ersten Einkaufsgang seit meiner Rückkehr nach Minsk wieder nach Hause und bin mit den Nerven am Ende.

Bevor ich rausgehen kann, muss ich die belarussische Oma erst davon überzeugen, dass mein Kind nicht in afghanische Wollschals gewickelt werden muss, bevor man mit ihm bei bitterkalten und windstillen -2°C in den Park gehen darf. Und nein, auch bitte wirklich keinen dieser Kratzeschals über den Kinderwagen hängen, denn das untergräbt ja den Sinn von „das Kind muss dringend an die frische Luft“.

Das einzig richtige Outfit für das belarussische Baby

Das einzig richtige Outfit für das belarussische Baby

Erste Station: Der Bücherladen. Irgendwie lasse ich mich immer wieder von der Hoffnung leiten, dass es vielleicht doch einmal ein Buch auf Englisch oder Deutsch gibt, aber natürlich Fehlanzeige (außer man liest gerne Lehrbücher). Und viel besser und vernünftiger ist es ja auch, Bücher auf Russisch zu lesen. Ich will mich schließlich integrieren und was lernen!

Was ich übrigens am belarussischen Winter hasse, ist der Moment, wo man von der Kälte in die überhitzten Geschäfte kommt und erstmal blind ist, weil die Brillengläser beschlagen. Und dass man in seiner superextradicken Winterkleidung immer und immer drinnen schwitzen muss. Aber ich sollte sachlich bleiben; das ist wohl kein Belarus-spezifisches Phänomen.

Weiter in den Schuhladen. Schlagartig fällt mir wieder ein, dass die belarussischen Schuhfirmen, auf die ich sonst wirklich schwöre (supermoderne Schuhe aus Leder und Fell in echt toller Qualität) ja alle ihre Designer gefeuert haben und sich jetzt die Schnittvorlagen (oder wie das auch bei Schuhen heißt) mit den Fabriken in Nordkorea teilen.  Es gibt also Einheitsschuhe und davon auch nur noch die Auslaufmodelle. Immerhin gibt es auf einige Modell „Riesenrabatte“, wie es in der Werbung heißt, von 3-5%.

Ich kaufe die teuersten Schuhe meines Lebens für 1 043 330 Rubel, oder ich versuche es zumindest. Denn obwohl in dem Geschäft drei Schuhholerinnen, ein Wachmann, ein Manager, ein Filialleiter, zwei Kassiererinnen und eine Tütenglattstreichoma, deren Aufgabe es weiterhin ist, die zahlungsfreudigen Kunden anzublaffen:“Die Kasse ist geschlossen“ arbeiten, dauert es Ewigkeiten, bis die Schuhholer die Schuhe geholt haben.

Schuhe für 1 Million. Ich dachte immer, wenn ich so teure Schuhe kaufe, wären die mindestens von Prada.

Schuhe für 1 Million. Ich dachte immer, wenn ich so teure Schuhe kaufe, wären die mindestens von Prada.

Ich nutze diese gefühlte Ewigkeit, um Geld zu tauschen. Das geht jetzt zwar wieder, aber während ich den Stapel Geld einpacke, denke ich an einen Satz aus dem Ken Follet-Wälzer, den ich gestern ausgelesen habe. In Berlin 1923, schreibt er, kommen die Frauen jeden Tag mit großen Tüten zur Arbeit, um ihren Lohn für den Arbeitstag nach Hause transportieren zu können. Ein Brot kostet 127 Billionen Mark. Ähnlich ist es hier auch. Der Stapel Geldscheine, den ich der Kassiererin im Schuhladen gebe, ist fast 10 cm hoch. Kein Wunder, wenn der größte Geldschein 100 000 Rubel sind, unter 10 Euro. Die Inflation im letzten Jahr lag bei 108%.

 

belarussisches Geld

belarussisches Geld


Im Lebensmittelgeschäft gibt es erstaunlicher Weise wieder alles zu kaufen, was das Herz begehrt. Es scheint mir sogar so zu sein, dass jetzt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, nach Belarus importiert wird. Im Supermarkt gibt es sogar eine neue Theke nur für importierten Käse. Ich frage mich allerdings, was die Babuschka mit ihrer Rente, die deutlich unter 100€ liegt, mit einem überteuerten italienischen Ciabattabrot mit Thymianaroma soll.

Was mich wieder ärgert: Die Leute sind einfach rücksichtslos. Wie oft ich innerhalb eines Einkaufs angerempelt und weggeellbogt werde, geht auf keine Kuhhaut. Ich meine, da wo ich herkomme, im Ruhrgebiet, wohnen mit Sicherheit auch nicht eben die zartfühligsten Menschen in der gesamten Bundesrepublik. Aber ein gewisses Maß an Umsicht und Rücksicht gibt es auch dort.

Und: In Deutschland wird man freundlich angelächelt, wenn man mit einem Kinderwagen spazieren geht. Babies gibt es dort so selten, dass die Leute für meinen Geschmack ein paar Mal zu oft in den Kinderwagen lünkern. Schiebe ich hier mit meinem glücklich-verklärten Junge-Mutti-Lächeln den Kinderwagen durch den Park (vorausgesetzt ich habe die belarussische Oma überzeugen können, dass ich auch einmal mit meinem Kind spazieren darf), gucken die Leute mich an, als sei ich geisteskrank.

Die vollkommen unterbezahlte Kassiererin im Supermarkt ist wie immer die Liebenswürdigkeit in Person: „Tüte?“ faucht sie mich an. Nein, danke. Als ich ihr dann auch noch sage, dass ich leider keine 10 Rubel habe (die habe ich ja der Schuhverkäuferin gegeben), grunzt sie entnervt. Ich nehme schnell meine Einkäufe und bahne mir einen Weg durch die Menschenmassen, die mir aus dem U-Bahntunnel entgegen kommen.

Zu Belarussen beim Einkaufen fällt mir manchmal nur eines ein: Homo homini lupus est.

3 Gedanken zu „Wilde Leute im Land der Hyperinflation

  1. Liebe Nadine,
    beschlagene Brillen gibt es in Belarus wenigstens nur im Winter. In Singapur, das liegt in Sürostasien ganz leicht nördlich des Äquators sieht es so aus, dass es jahrein, jahraus draußen – sozusagen an der frischen Luft – tagsüber 30 Grad bei 95% Luftfeuchtigkeit zählt, in den kühlen Nächten nur 22 – 24 Grad. Die Geschäfte dagegen kühlen mit enormen Energieaufwand auf 18 Grad herunter. Man will den Kunden ja etwas bieten und schwitzen gilt unter den dortigen Vorstellungen als verabscheuungswürdig. Sobald man nun eines dieser Geschäfte betritt, beschlägt die Brille in ca 0,2 Sekunden und der Körper meldet antarktische Termperaturen.

    Entweder irrt Follet oder es handelt sich um einen kleinen Fehler. 127 Billionen mußte die Oma in Berlin nie aufbringen – das wäre damals mindestens 30 Dollar und das Brot hätte sich die Oma im Inflationsberlin ebenso wenig leisten können wie die Oma in Inflationsbelarus.

    Ja, überfüllte Läden gibt es in Belarus auch. Überfüllt mit Mitarbei…, nein, falscher Wortstamm, Mitgeldverdienern, die die Kunden darum betteln lassen, endlich Waren kaufen zu dürfen. Tja, Service ist schließlich ein Fremdwort – wie in Deutschland ja auch – und in Belarus gibt es nun nicht wirklich viele, die gut englisch können, wie auch, es gibt ja kaum gute Bücher aus den Staaten, die es erklären könnten, wie es funktioniert und auch kaum Leute, die das verstehen… Das wirst Du berichten, wenn Klein Kasimir die Schule besucht…

    1. Vielen Dank für den Kommentar!Habe nachgedacht, und mir ist eingefallen, warum ich das Brot so teuer gemacht habe: Habe Fall of Giants auf Englisch gelesen, und da waren es 127 billion Reichsmark, also 127 Milliarden. Kommt das eher hin? Wenn nicht, hat er schlecht recherchiert.
      Mal sehen, in welchem Land auf diesem Erdenrund Klein-Kasimir zur Schule gehen wird…

Kommentar verfassen