Licht aus- live dabei am Nationalfeiertag in Belarus

Falls dieser Artikel von Tippfehlern wimmelt, liegt das nicht an mir- es liegt daran, dass wir Stromausfall haben. Und wir haben Stromausfall, weil M. le Président am benachbarten Siegesplatz Blumen ablegt. Er legt Blumen ab, weil morgen Nationalfeiertag ist.

Wenn die Sicherheitskräfte zu Nachbarn werden

Als wir heute von unserem Spaziergang nach Hause kamen- wir wurden am See von den Proben für die morgige Parade mit Anastasia Vinnikova und der Nationalhymne in der Endlosschleife beschallt- standen die Polizeipraktikanten schon bei uns vor der Tür. Zuerst dachte ich, bei unserer greisen Nachbarin Baba Katja, die immer ihre Tür auflässt, sei schon wieder eingebrochen worden- aber nein, die Jungen (und es waren Jüngelchen, kein Wunder, wenn alle Wohnungseingänge am gesamten Prospekt bewacht werden müssen), passen nur auf, dass die Bewohner ihre Fenster, die zur Straße gehen, geschlossen halten.

Albern genug, aber das Spiel kennen wir ja schon. Meine Schwiegermutter hat letztens einen Test aufs Exempel gemacht und trotzdem aus dem Fenster geguckt, als ER vorbei fuhr- und prompt hat der nette Polizist geschellt und gesagt sie solle das nie, nie wieder machen.

Wir sitzen also im Wohnzimmer, als eben um Punkt 22 Uhr das Licht ausgeht. Und nicht wieder an. Nach dem Ausschlussprinzip konnte es nicht die unbezahlte Stromrechnung sein, auch nicht der nicht gelieferte Strom aus Russland…. also ist Aleksej gucken gegangen, schauen, ob es dem Rest des Hauses ähnlich geht und hat einen Aushang gefunden, auf dem mitgeteilt wird, dass heute zwischen 22 und 23.30 Uhr aufgrund der präsidialen Blumenniederlegung die Fenster zur Straße geschlossen zu sein und die Lichter ausgeschaltet zu sein haben. Anscheinend hat man sich entschlossen, den Leuten nicht zu vertrauen („Man kann sich sein Volk nicht aussuchen“, sagte der Präsident ja kürzlich) und hat das Licht prophylaktisch allen ausgeschaltet.

Aushang in unserem Haus vor dem Nationalfeiertag

Der Elektriker, den Aliaksei unten im Haus antraf, sagte dann doch allen Ernstes: „Glauben Sie es oder nicht, wir führen hier gerade eine Wartung durch.“ Ja ne, ist klar, auf einem Samstagabend.

Der schützende Mantel der Dunkelheit

Ganz im Ernst, dass der arme Mann so eine Angst vor seinen eigenen Leuten hat, dass sie, egal wo er herfährt in seiner Panzerlimousine, bei Polizeigewalt nicht die Fenster öffnen dürfen, kann ich schon nicht nachvollziehen. Ich meine, wir reden hier nicht von JFK in einer offenen Limousine. Obwohl, Lee Harvey Oswald hat ja auch wirklich hier fast gegenüber gewohnt…

Einfach einem ganzen Häuserblock das Licht abzudrehen, geht aber doch wirklich zu weit. Ich verstehe es auch einfach nicht. Ich sitze hier im Dunkeln und habe das Gefühl, dass dieses Land mich auf den Arm nehmen will. Vor allem, wenn ich den engelsgleichen Chor vom Siegesplatz schon wieder die Hymnse herüberträllern höre, der Klitschko-Kampf ohne mein Zuschauen stattfindet, der Spinat im Tiefkühlschrank auftaut, und sie jetzt auch noch ein megalautes Feuerwerk veranstalten- das tun sie übrigens seit einem Monat immer gerne Samstagnachts. Dass die Straßen seit Tagen abends gesperrt sind, damit die Panzer zum Paradeplatz kommen, und dass diese Straßen aufgrund leerer Kassen wohl anschließend niemals mehr repariert werden, davon möchte ich hier gar nicht reden.

Paradevorbereitung- wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Was bin ich froh, wenn dieser vermaledeite Feiertag morgen vorbei ist. Mit sich zuspitzender Krise wird das Ausmaß der Parade antiproportional immer lächerlicher.

Und das Schlimmste: Anstatt Angst zu haben vor der Staatsgewalt, tut der Mann mir leid.

So, und jetzt ist mein Akku leer. Gute Nacht dann!

2 Gedanken zu „Licht aus- live dabei am Nationalfeiertag in Belarus

  1. Das kennt man ja: Der Aufwand repräsentative (Gedenk-)Paraden zu gestalten wächst proportional zum bröckelnden Ansehen der Staatslenker…

    1. Allerdings. Dieses Jahr werden sogar Flugzeuge bei der Parade fliegen. Und das in Minsk… Nur die Schönwetterkanonen aus Moskau durfte er sich anscheinend nicht ausleihen- es regnet in Strömen!

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