17.6.2011: Kalte Dusche in Minsk

Vorletzte Woche war es wieder so weit. Die Benachrichtigung, die ich am meisten in Minsk fürchte, hing am Mitteilungsbrett unten im Haus:

„Sehr geehrte Hausbewohner, ab dem nächsten Montag wird Ihnen das warme Wasser für zwei Wochen abgestellt. Wir bitten Sie, Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.“

Nach nunmehr drei Sommern in Minsk habe ich mich daran gewöhnt, dass das hier irgendwie dazu gehört. Jeden Sommer werden in der ganzen Stadt (bzw. wohl im ganzen Land, oder dort, wo es fließendes Wasser gibt), nacheinander in allen Stadtbezirken die Warmwasserleitungen abgedreht. Immer für zwei Wochen, und angeblich warten sie irgendetwas an den Leitungen. Ich denke schon länger darüber nach, wie deutsche Wasserwerke es schaffen, ihre Leitungen in Stand zu halten, ohne flächendeckend mit dem Pfeifenreiniger durch die Leitungen zu putzen.

An den Tagen, denen ich diesem Land nicht ganz so wohlgesonnen gegenüberstehe, denke ich, dass es sich vielleicht auch um Kollektivschikane handelt. Denn obwohl die Belarussen sich natürlich darüber niemals beschweren würden- sie kennen es ja nicht anders- ist es doch etwas, was alle trifft. Soweit ich weiß, ist keine Wohngegend davon ausgenommen- außer wahrscheinlich Drozdy, wo der Präsident wohnt. Es ist unausweichlich, und so richtig verstehen tut keiner, was in diesen zwei Wochen vor sich geht.

Aber, so wie wir die Belarussen kennen gelernt haben, steht es natürlich außer Zweifel, dass sie sich auch mit dieser Unannehmlichkeit arrangieren, anstatt zu lamentieren. Mit ausgefeilten Techniken, die sie wahrscheinlich elaboriert haben, seit dem es Warmwasserleitungen in Belarus gibt, überbrücken sie diese zwei Wochen.

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Sie haben große Metalleimer, in denen sie Wasser auf dem Herd erhitzen. Dieses füllen sie dann in „Tasiki“ (riesige Plastikschüsseln) und mischen eine angenehme Wassertemperatur mit dem wundervoll erfrischenden eiskalten Wasser, das die Wasserhähne immerhin noch hergeben.Ist die richtige Wassertemperatur erreicht, nimmt man einen kleinen Saucentopf und nutzt ihn als Duschkopf. Das Duschen geht dann ganz einfach: Nass machen, einseifen, mit Saucentopf abduschen.

Ganz ähnlich funktioniert es auch beim Spülen: Einfach den Küchentasik mit heißem  gekochten und kaltem Kranwasser füllen und losspülen.

Um einmal in der Woche richtig zu baden (auf russisch benutzt man das gleiche Wort für sich baden und schwimmen gehen) geht man gerne mit dem Handtuch und der frischen Unterhose unter den Arm zu Verwandten und nimmt ein Vollbad. Menschen ohne Verwandte in der Nähe suchen zu diesem Zweck eine Banja auf.

Besonders gefreut habe ich mich, als es uns 2007 pünktlich zu unserer Hochzeit traf. Nicht nur, dass ich das komplette Beautyprogramm mit kaltem Wasser bzw. Plastikschüsseln durchziehen musste- der Friseur, der die Hochzeitsfrisur gemacht hat, hatte gute connections und warmes Wasser, slava bogu. Ich hatte auch Besuch aus Deutschland, der ebenfalls Minsk nur ohne warmes Wasser kennen gelernt hat und sich bis heute nicht restlos überzeugen lässt, dass es sehr wohl normaler Weise eine funktionierende Warmwasserversorgung hier gibt.

Bei uns sind die zwei Wochen nun fast um, und die Hauptfrage lautet jetzt: „Wann geben sie euch das warme Wasser wieder?“. Das ist ein bisschen wie ein Orakel, es kann am heutigen Freitag passieren; wenn wir Pech haben, wird es Montag.

Die gute Nachricht zum Schluss: Alle Besucher, die in diesem Jahr noch kommen, dürfen sich auf warmes Wasser aus der Leitung freuen!

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